Warum BOW neben dem klassischen Agenturgeschäft ein (teil-)autonomes Produkt aufbaut – von modellunabhängiger KI-Infrastruktur bis zum Self-Service-Shop
Host Arne Tensfeldt spricht mit Philipp Hatlapa und Kevin Tharan, den beiden geschäftsführenden Gesellschaftern der BOW e-Com Agentur aus München, über eine These, die viele Agenturen noch nicht ernst genug nehmen: Wer heute nur mit ChatGPT-Lizenzen hantiert, kratzt an der Oberfläche. Im Gespräch erklären Philipp und Kevin, wie BOW ihre Leistungserbringung schrittweise automatisiert hat – von der KI-gestützten Entwicklungsumgebung bis hin zu einem System, das Server-Setups und Plugin-Entwicklung weitgehend selbstständig abwickelt. Sie beschreiben, warum Insellösungen scheitern und wie eine modellunabhängige Infrastruktur aussieht, die flexibel zwischen verschiedenen LLMs wechseln kann. Außerdem: Wie das Projektgeschäft durch teilautonome Prozesse planbarer wird – und warum BOW gerade einen konfigurierbaren Self-Service-Shop für E-Commerce-Infrastruktur aufbaut. Ein Gespräch für Agenturinhaber:innen, die verstehen wollen, was der Schritt vom Dienstleister zum produktisierten Anbieter konkret bedeutet.

Philipp Hatlapa ist Mitgründer und Geschäftsführer der BOW (Bayerische Online-Werke) e-Com Agentur aus München, die er 2017 gegründet hat und die sich auf E-Commerce-Entwicklung und KI-gestützte Infrastrukturlösungen spezialisiert hat. Kevin Tharan ist zweiter Geschäftsführer und CTO der BOW; sein Schwerpunkt liegt auf KI-Entwicklung, Plattformoptimierung und dem Aufbau automatisierter Delivery-Infrastrukturen.
Wie weit lässt sich die Leistungserbringung einer Agentur heute schon automatisieren – und was braucht es, um vom Projektdienstleister zum teilautonomen Produktanbieter zu werden? Arne Tensfeldt spricht mit Philipp Hatlapa und Kevin Tharan, den beiden Geschäftsführern der BOW e-Com Agentur aus München, über ihren konkreten Weg: von ersten KI-Experimenten in der IDE bis hin zu einer orchestrierten Infrastruktur, die Deployments, Code-Reviews und Plugin-Entwicklung weitgehend selbstständig abwickelt.
Viele Unternehmen kratzen laut Kevin noch an der Oberfläche. Sie nutzen ChatGPT oder Claude für einzelne Aufgaben, verstehen aber nicht, was LLMs und Agenten tatsächlich leisten können, wenn sie orchestriert eingesetzt werden.
Bei BOW läuft im Hintergrund ein System namens „Mythos", das Deployments übernimmt, Tickets refined, Code in GitHub pusht und Qualitätsreviews anstößt – alles mit einem Human-in-the-Loop als letzter Kontrollinstanz. Kernerkenntnis: Der Unterschied liegt nicht im Tool, sondern darin, ob man es so konfiguriert, dass es spezifische Probleme löst.
Kevin beschreibt den Umstieg auf agentengestützte Entwicklung als fundamentalen Bruch – vergleichbar damit, jemandem die Schreibmaschine wegzunehmen und ihn auf eine digitale Tastatur umzustellen. Das ist kein Tool-Wechsel, sondern ein Wechsel der Arbeitsweise.
Konkret: Ein Shopware-Setup inklusive Docker-Konfiguration und angebundener Datenbank, das früher Stunden dauerte, wird heute mit vier Klicks angestoßen und läuft autonom durch. Ein Plugin ist nach zwei Stunden zu 90 % fertig – auf Basis einer intern aufgebauten Knowledge-Base.
Philipp beschreibt, wie größere Agenturen ihren Mitarbeitenden Tools wie Cloud Code oder N8N in die Hand geben, ohne ein übergreifendes System dahinter zu haben. Jeder optimiert seine eigene Insel. BOW verfolgt einen anderen Ansatz: alle Tools sollen miteinander kommunizieren – von SaaS über PaaS bis hin zu IaaS, also Infrastructure as a Service für andere Agenturen und IT-Abteilungen.
Das langfristige Ziel ist eine Plattform, die Multitenant-fähig ist und es ermöglicht, mehrere Kundenprojekte aus einer Administrationsoberfläche heraus zu steuern.
Die größte operative Herausforderung ist nicht die Technologie, sondern der Mensch. Kevin beschreibt, dass es mehrere Runden braucht, bis Mitarbeitende wirklich verstehen, wie sie die neuen Werkzeuge nutzen sollen. Ablehnung und Angst vor Jobverlust sind reale Faktoren.
BOW setzt auf regelmäßige Einführungsmeetings, offene Kommunikation und ein Format namens „Fucking Friday": Zwei Mitarbeitende stellen abwechselnd eine Neuerung vor – ein selbst gebautes Feature, ein neues Modell, eine kontroverse Entwicklung. So entsteht Austausch, ohne dass Wissen nur von oben nach unten fließt.
Wer nur mit einem KI-Anbieter arbeitet, hat ein Datenproblem, ein Kostenproblem und ein Abhängigkeitsproblem. BOW nutzt Open Router als Abstraktionsschicht, die Zugriff auf alle gängigen Modelle über eine einheitliche API bietet – inklusive Self-Hosted-Optionen über Ollama oder llama.cpp. So lässt sich zwischen Modellen wechseln, ohne die Infrastruktur umzubauen.
„Wenn man halt nur mit einem KI-Anbieter arbeitet, weiß man nie, wo die Daten sind – und wie sich die Kosten verändern." – Kevin Tharan
BOW entwickelt sich in Richtung dreier paralleler Erlösquellen: strategische Beratung, Integrationsleistungen und SaaS- bzw. Plattformprodukte. Konkret entsteht gerade ein konfigurierbarer Online-Shop, über den Kunden sich Plugins, Plattform und Features selbst zusammenstellen können – inklusive automatisierter Lieferung durch das eigene System.
Für Händler bedeutet das: eine vollständige Infrastruktur aus dynamischem Pricing, SEO, Google Ads und Social Media aus einer Hand. Für Agenturen und IT-Abteilungen: eine mandantenfähige Umgebung, die mehrere Projekte parallel verwaltet.
Kevin empfiehlt, nicht vorhandene Tools nachzubauen, sondern bestehende Lösungen für interne Probleme zu nutzen. Low-Hanging Fruits zuerst einsammeln, auf etablierte Frameworks setzen und sich wirklich mit den Werkzeugen auseinandersetzen – statt sie blind zu verwenden.
Philipp ergänzt: Der Einstieg ist heute einfacher als vor drei oder vier Jahren. Wer jetzt startet, profitiert davon, dass andere bereits Trampelpfade angelegt haben. Early Mover haben den Weg freigeschlagen – Second Mover können schneller aufschließen.
Automatisierung in der Agentur ist kein Zukunftsprojekt – sie ist ein laufender Prozess, der heute schon messbare Ergebnisse liefert: mehr Planungssicherheit, stabilere Margen, weniger unvorhergesehene Projektprobleme. Der entscheidende Schritt ist nicht das richtige Tool, sondern die Entscheidung, ob man nimmt, was da ist – oder daraus etwas baut, das zur eigenen Infrastruktur passt. Wer wartet, wartet auf nichts.
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