Adaptive Agency Dialog

Eine Million Euro, immer noch kein Problem gelöst – Nicht jeder braucht die große Agentur

Wie eine 13-Personen-Boutique aus Oldenburg mit therapeutischem Ansatz genau dort ansetzt, wo der große Laden aufgehört hat zu fragen

Host Arne Tensfeldt spricht mit Sebastian, Geschäftsführer der new-data-services GmbH aus Oldenburg, über eine unbequeme These: Wer eine Million Euro in eine große Agentur investiert, löst damit nicht zwingend das eigentliche Problem. Im Gespräch erklärt Sebastian, warum mittelständische Unternehmen mit hochindividuellen Prozessen bei sechsspurigen Agenturmaschinen oft falsch aufgehoben sind – und wie eine Boutique-Agentur mit 13 Personen genau dort ansetzt, wo der große Laden aufgehört hat zu fragen. Er beschreibt einen therapeutischen Ansatz: erst Vertrauen aufbauen, dann das kleinste nächste Problem identifizieren, Wirksamkeit messen. Außerdem: wie Jahresgespräche, bewusste Selbstbegrenzung und das Prinzip „Hilfe zur Selbsthilfe“ langfristige Kundenbeziehungen tragen – auch wenn das bedeutet, einen Auftrag abzulehnen. Ein Gespräch für Agenturinhaber:innen, die wissen wollen, wie Spezialisierung und Beweglichkeit zusammenpassen.

Sebastian Niendieck

Sebastian ist Geschäftsführer der New Data Service GmbH in Oldenburg und leitet das Unternehmen seit zwölf Jahren. Mit einem Hintergrund im Marketing und einem Team von 13 Personen steht er für einen holistischen, individuellen Ansatz in der IT-Beratung und Umsetzung für den Mittelstand.

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Große Budgets garantieren keine Lösungen – das ist die zentrale These dieser Episode. Arne Tensfeldt spricht mit Sebastian, Geschäftsführer der new-data-services GmbH aus Oldenburg, darüber, warum hochindividuelle Mittelständler mit standardisierten Großagenturen oft nicht zusammenpassen und was eine Boutique-Agentur mit 13 Personen besser machen kann.

Vom Wachstum zur Stabilisierung: Wie aus 16 Köpfen eine Boutique wurde

NDS ist von drei auf 16 Mitarbeitende gewachsen – und dann bewusst kleiner geworden. Nicht weil das Geschäft fehlte, sondern weil Prozesse, Struktur und Kernkompetenz fehlten.

Sebastian beschreibt einen klassischen Wachstumsschmerz: Peaks, Leerlauf, fehlende Prozesse, ein Geschäftsführer mit Marketinghintergrund, der lieber Dinge anschiebt als Strukturen baut. Der Wendepunkt kam durch externe Unterstützung beim Prozessaufbau – und durch die Entscheidung, lieber tief zu arbeiten als breit zu wachsen.

Die sechsspurige Autobahn: Was große Agenturen können – und was nicht

Mittelständische Unternehmen stehen unter Innovations- und Investitionsdruck. Sie suchen Sicherheit und beauftragen große Namen. Was sie bekommen, ist oft eine Maschine, die läuft – aber am falschen Ziel.

„Feature für Feature wurde umgesetzt. Das Ziel wurde aus dem Auge verloren und es wusste keiner mehr so richtig, was machen wir eigentlich." Monatlich fünfstellige Rechnungen, mehrere Teams, kein Ergebnis. Das Erwachen kommt meist mitten im Projekt – wenn der Zug längst abgefahren ist.

Therapeutisches Arbeiten: Vertrauen vor Technik

Bevor Sebastian über Lösungen spricht, schafft er Akzeptanz. Kunden kommen hochgradig verunsichert. Sein Ansatz: erst zuhören, ein Klima schaffen, in dem alle sagen können, was sie denken – und dann gemeinsam das richtige Problem suchen.

Dieser Ansatz ist bewusst nicht skalierbar und nicht prozessierbar. Er entsteht aus Sebastians eigenem Selbstverständnis: Er ist selbst kein Technikmensch im klassischen Sinne, versteht sich als klassischen Kunden und trägt dieses Verständnis in jeden Termin.

Das richtige Problem finden: Holistisch statt lösungsgetrieben

Viele IT-Projekte scheitern nicht an der Technik, sondern an strukturellen Problemen darunter – an Widerständen zwischen IT-Abteilung und C-Level, an fehlendem Problembewusstsein, an Digitalkompetenz, die im Unternehmen schlicht nicht vorhanden ist.

Sebastian beschreibt einen anthroposophisch-holistischen Ansatz: Das System wird als Ganzes betrachtet, bevor eine Lösung skizziert wird. Die Technik ist nie die einzige Antwort. „Die Technik kann alles lösen. Das richtige Problem ist, wir suchen also erstmal die richtigen Probleme."

Kleinstmögliche Schritte, sortiert nach Wirksamkeit

Nach der Akzeptanzphase folgt kein großes Projektangebot, sondern der kleinste nächste Schritt. NDS misst sich an unmittelbarer Wirksamkeit – und lässt den Kunden danach entscheiden, ob er weitermachen möchte.

Dieser Ansatz hat sich über Jahre entwickelt. Früher hat Sebastian lange Gespräche geführt, ohne dafür eine Rechnung zu schreiben. Heute ist klar: Sobald ein zweiter Kopf aus dem Team dazukommt, liegt danach ein Angebot auf dem Tisch. Die Grenze zwischen Akquise und bezahlter Arbeit ist definiert.

Pricing: Mut zum nicht-stundenbasierten Wert

Im Umsetzungsprozess arbeitet NDS nach wie vor mit Time and Material. Im Anfangsbereich – der Analyse, dem Problemverständnis, der Wirksamkeitsprüfung – wird der Wert zunehmend pauschal bepreist.

**Sales:** „Mutig genug sein, diesen Wert auch zu bepreisen mit einem nicht stundenbasierten Aufwand – das ist tatsächlich ein Prozess. Hat viel mit Mut zu tun auf Agenturseite." Phasen liegen im kleinen fünfstelligen Bereich. Erst nach Abschluss einer Phase entscheidet der Kunde über den nächsten Schritt.

Langfristige Kundenbeziehungen: Jahresgespräche statt Dauermandat

Kunden bleiben vier bis fünf Jahre. Aber nicht jedes Jahr ist ein aktives Jahr. In der new-data-services GmbH werden Jahresgespräche geführt, in denen gemeinsam auf das nächste Jahr geschaut wird – intensiv oder ruhig, je nach Situation des Kunden.

Wenn ein Kunde irgendwann einen eigenen Entwickler einstellt und die IT-Struktur stabil ist, ist das kein Verlust, sondern ein Erfolg. „Hilfe zur Selbsthilfe" ist ein explizites Prinzip. Wer nicht die richtige Antwort ist, sagt das – und verweist weiter.

Boutique-Agentur: Spezialisierung bedeutet auch Abgrenzung

Das Boutique-Modell bedeutet nicht nur, tiefer zu arbeiten als andere. Es bedeutet auch, klar zu benennen, was man nicht kann – und ein Netzwerk aus Partnern, Freelancer:innen und freien Berater:innen zu haben, das die Lücken füllt.

Beweglichkeit ist das Schlüsselwort. Kleine Schritte, keine starren Pläne, keine Wasserfall-Excelsheets bis ans Ende des Projekts. In einer Zeit, in der sich Rahmenbedingungen schnell ändern, ist Adaptivität mehr wert als Skalierbarkeit.

Fazit

Wer als Agentur nur liefert, was der Kunde bestellt, löst selten das eigentliche Problem. Sebastian zeigt, dass ein holistischer, therapeutisch anmutender Einstieg kein Luxus ist, sondern die Voraussetzung für wirksame Arbeit – und für Kundenbeziehungen, die über Jahre tragen. Der entscheidende Hebel: das kleinste nächste Problem finden, es lösen, und dann gemeinsam entscheiden, ob es weitergeht.

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